Zwischen Erinnerung und Zukunft – Dr. Skadi Jennicke über kulturelle Brücken und die Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Jerewan

Dr. Skadi Jennicke ist Kulturbürgermeisterin der Stadt Leipzig und eine der prägendsten Stimmen der Leipziger Kulturpolitik. Die promovierte Dramaturgin engagiert sich seit vielen Jahren für kulturelle Teilhabe, internationale Zusammenarbeit und den Ausbau demokratischer Kulturarbeit.

Im Jahr 2026 wurde sie zudem als Oberbürgermeisterkandidatin der Partei Die Linke für die Leipziger Kommunalwahl nominiert. Im Mittelpunkt ihrer politischen Arbeit stehen soziale Gerechtigkeit, kulturelle Vielfalt, Erinnerungskultur und internationale Städtepartnerschaften.

Im Rahmen des Leipzig–Jerewan-Kulturjahres reiste Dr. Jennicke gemeinsam mit einer Delegation nach Armenien, um die kulturellen und historischen Verbindungen zwischen beiden Städten zu vertiefen. In diesem Interview spricht sie über ihre Eindrücke aus Jerewan, die Bedeutung von Erinnerungskultur sowie die Zukunft der Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Jerewan.

Frau Dr. Jennicke, Sie haben Armenien und insbesondere Jerewan im Rahmen der Delegationsreise im Oktober 2025 intensiv erlebt. Welche Eindrücke haben Sie persönlich am meisten bewegt?

Mich hat vor allem die besondere Atmosphäre dieser Stadt berührt: Jerewan wirkt gleichzeitig voller Geschichte und voller Neubeginn. Überall sieht man Baustellen und wie etwas Neues entsteht – man spürt, dass sich etwas entwickelt und die Stadt im Aufbruch ist. Gleichzeitig ist die Vergangenheit überall präsent. Diese Mischung aus Schmerz, Erinnerung, Stolz und Zukunftswillen hat mich sehr beeindruckt.

Der Besuch des Genozid-Memorials Tsitsernakaberd war ein zentraler Moment Ihrer Reise. Welche Bedeutung hat dieser Ort für Sie – auch im Kontext der deutschen Erinnerungskultur?

Tsitsernakaberd ist ein Ort, der einen nicht mehr loslässt. Schon der Weg zur ewigen Flamme erzeugt eine tiefe Ergriffenheit. Mich hat es sehr bewegt, wie offen in Armenien über diese historische Wunde gesprochen wird.

Als Deutsche erlebt man diesen Ort unweigerlich auch im Kontext der eigenen Geschichte. Der Genozid an den Armenierinnen und Armeniern und der Holocaust sind unterschiedliche historische Verbrechen, aber beide stellen die Frage, wie Gesellschaften mit Schuld und Erinnerung umgehen. Gerade aus unserer deutschen Erfahrung erwächst die Verantwortung, andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit ernst zu nehmen und sichtbar zu machen.

Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass das Deutsche Kaiserreich als damaliger Verbündeter des Osmanischen Reiches sehr genau über die Deportationen und Massaker informiert war. Deutsche Diplomaten, Militärs und Missionare berichteten früh über die Verbrechen an den Armenierinnen und Armeniern. Dennoch blieb ein entschiedenes Eingreifen aus. Auch diese historische Mitverantwortung ist Teil deutscher Erinnerungskultur und macht den Besuch eines solchen Ortes besonders eindringlich.

Erinnerungskultur bedeutet nicht nur Rückblick, sondern auch Verantwortung für Gegenwart und Zukunft. In einer Zeit, in der demokratische Werte weltweit unter Druck geraten, sind solche Orte wichtiger denn je.

Zwischen Leipzig und Jerewan bestehen überraschend viele historische und kulturelle Verbindungen – von Literatur bis Musik. Was hat Sie an diesen gemeinsamen Wurzeln besonders überrascht?

Mich hat überrascht, wie weit diese Verbindungen tatsächlich zurückreichen. Dass der armenische Schriftsteller Awetik Issahakjan schon Ende des 19. Jahunderts in Leipzig studiert hat und dadurch eine direkte Verbindung zwischen der Buchstadt Leipzig und Jerewan besteht, ist für mich ein sehr schönes Beispiel dafür, wie Kultur über Generationen hinweg Brücken schlägt.

Auch die musikalischen Beziehungen fand ich beeindruckend. Das Gewandhaus ist bereits seit den 1960er-Jahren eng mit dem armenischen Dirigenten Ohan Durjan verbunden war. Unsere Städte stehen kulturell schon lange miteinander im Austausch. Diese Geschichten sind heute teilweise fast vergessen – und genau deshalb ist das Kulturjahr so wichtig: Es macht sichtbar, dass internationale Verständigung oft lange vor offiziellen Partnerschaften beginnt.

Das Kulturjahr Leipzig–Jerewan soll den Austausch intensivieren und gegenseitiges Verständnis fördern. Warum ist ein solches Kulturjahr heute wichtiger denn je?

Das Kulturjahr soll deshalb nicht nur Veranstaltungen organisieren, sondern echte Begegnungen ermöglichen: zwischen Künstlerinnen und Künstlern, Institutionen, Studierenden, der freien Szene und den Bürgerinnen und Bürgern beider Städte. Wir brauchen nach den Pandemie Jahren und in Zeiten digitaler Kommunikation diese direkten Verbindungen zwischen Menschen mehr denn je.

Für Leipzig ist die Partnerschaft mit Jerewan zudem ein wichtiges Signal: Wir wollen internationale Zusammenarbeit nicht nur auf staatlicher Ebene denken, sondern ganz konkret im Alltag der Städte verankern. Städtepartnerschaften können zeigen, wie Demokratie, kulturelle Offenheit und Solidarität praktisch gelebt werden.

Gemeinsam mit Burkhard Jung bereiten Sie eine große Delegationsreise nach Jerewan zur Unterzeichnung und Vertiefung der Partnerschaft vor. Welche langfristige Vision verfolgen Sie für die Zusammenarbeit zwischen Leipzig und Jerewan – insbesondere über das Kulturjahr 2026 hinaus, und welche konkreten Impulse erhoffen Sie sich von dieser Reise?

Das Kulturjahr verstehen wir ausdrücklich als Beginn einer langfristigen Zusammenarbeit – nicht als einmaliges Projekt. Die geplante Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Jerewan soll dauerhaft tragfähige Verbindungen schaffen: im Kulturbereich, aber auch in Bildung, Wissenschaft, Stadtentwicklung und zivilgesellschaftlichem Austausch.

Ich wünsche mir, dass aus den vielen ersten Begegnungen konkrete gemeinsame Projekte entstehen: Künstlerresidenzen, Kooperationen zwischen Museen, Orchestern und freier Szene. Etwa Austauschprogramme für junge Menschen oder gemeinsame Diskussionen über Erinnerungskultur und demokratische Stadtgesellschaft.

Die Delegationsreise 2026 gemeinsam mit Oberbürgermeister Burkhard Jung wird dabei ein wichtiger symbolischer und politischer Schritt sein. Dass die Reise rund um den Tag der Deutschen Einheit stattfindet, hat eine besondere Bedeutung: Leipzig verbindet mit der Friedlichen Revolution von 1989 selbst eine Geschichte demokratischer Transformation. Auch Armenien hat mit der Samtenen Revolution 2018 Erfahrungen gesellschaftlicher Veränderung gemacht. Diese gemeinsamen Erfahrungen können eine starke Grundlage für eine lebendige und zukunftsorientierte Städtepartnerschaft sein.

Das Interview wurde von Dr. Sirarpi Movsisyan geführt

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