Wissen, Kultur, Verantwortung: Prof. Drost Abgarjan im Gespräch

Prof. Dr. Drost Abgarjan gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der Armenologie in Deutschland. Nach ihrem Studium in Armenien kam sie in den 1980er-Jahren nach Deutschland und baute an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine beeindruckende wissenschaftliche Laufbahn auf. Als Mitbegründerin des Mesrop-Zentrums für Armenische Studien und langjährige Professorin widmete sie sich mit großem Engagement der Erforschung und Vermittlung der armenischen Kultur und Geschichte. Im Interview spricht sie über ihren persönlichen Weg, die Bedeutung deutsch-armenischer Zusammenarbeit sowie über aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven für Wissenschaft und Gemeinschaft.

 

Frau Prof. Drost Abgarjan, Sie kamen aus Armenien nach Deutschland zum Studieren und haben hier Ihre wissenschaftliche Karriere aufgebaut. Was hat Sie damals nach Deutschland geführt, und was hat Sie dazu bewogen, hier zu bleiben?

Nach Deutschland kam ich durch die Heirat mit dem deutschen Physiker Dr. Wolf-Gernot Drost, den ich bereits als Studenten 1975 im Kontext der Universitätspartnerschaft zwischen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Staatlichen Universität Jerewan, die in den DDR-Zeiten ebenfalls bestand, kennengelernt hatte.

Gleich nach meiner Ankunft in Deutschland zum ständigen Wohnsitz am 15. Juni 1985, den ich seit der Heirat (1983) besaß, erhielt ich eine Einladung von der Akademie der Wissenschaften der DDR, als frisch promovierte Wissenschaftlerin, die Resultate meiner Forschung zu armenisch-byzantinischen Literaturbeziehungen an der im September bevorstehenden internationalen Tagung zur Emeritierung des renommierten Byzantinisten Prof. Dr. Johannes Irmscher „Byzanz – polyethnisch und polyglottisch betrachtet“ teilzunehmen. Die Einladung habe ich angenommen und damit begann meine wissenschaftliche Tätigkeit hier.

Herr Prof. Irmscher pflegte gute akademische Kontakte sowohl nach Jerewan als auch mit Moskau und hatte von meinem wissenschaftlichen Betreuer, dem berühmten Byzantinisten an der AdW der UdSSR und späteren Slavistik-Professoren an der Universität Wien, Prof. Dr. Sergej S. Averintsev gehört, dass ich nach Deutschland umgesiedelt bin.

Sofort nach meinem Vortrag in Berlin lud mich der Leiter des Lehrstuhls für Byzantinistik am Institut für Orientalistik der Universität Halle-Wittenberg (nach der Wende zum Seminar „Wissenschaft vom Christlichen Orient“ umbenannt), Prof. Dr. Peter Nagel (er war Vorsitzender der Internationalen Fachgesellschaft “International Association for Coptic Studies“) zur Mitarbeit im Teilbereich der armenischen Studien ein.

So war ich bereits 3 Monate nach meiner Ankunft in Deutschland an der Universität Halle angestellt, wo ich nach der Postdoc-Aspirantur habilitierte und die erste außerplanmäßige Professur für Armenische Studien bis zur Pensionierung inne hatte (2010-2021).

Sie waren Mitbegründerin (1998) und lange Leiterin des Mesrop-Zentrums für Armenische Studien an der Martin-Luther-Universität. Können Sie uns erzählen, wie die Idee für das Zentrum entstanden ist und welche besonderen Herausforderungen Sie während Ihrer langjährigen Arbeit dort gemeistert haben? Nachdem Sie in den Ruhestand gegangen sind, pflegen Sie weiterhin Kontakte zum Mesrop-Zentrum?

Das MESROP Zentrum für armenische Studien ist im Kontext des Kulturabkommens (1996) zwischen dem Land Sachsen-Anhalt, federführend für die Bundesrepublik Deutschland und der Republik Armenien am 06. September 1998 entstanden. Die Vorarbeiten dazu leistete die seit den 1980-iger Jahren an der Universität Halle-Wittenberg wirkende armenologische Arbeitsstelle am Dr. Johannes-Lepsius-Archiv an der Theologischen Fakultät unter der Leitung des Ostkirchenkundlers Prof. Dr. Hermann Goltz. Er wurde zum ersten Direktor des Zentrums, dessen Ziel war es, u. a. einen eigenständigen Lehrstuhl für Armenische Studien an der Universität Halle-Wittenberg einzurichten, um die armenologischen Studien in Deutschland zu stärken und die armenische Kultur der deutschen Gesellschaft näher zu bringen. Mit meiner Habilitation im Fach Sprachen und Kulturen des Christlichen Orients unter besonderer Berücksichtigung der Armenologie war die notwendige wissenschaftliche Qualifikation und damit die formelle Grundlage zur Einrichtung einer armenologischen Professur geschaffen, um zunächst eine Stiftungsprofessur (DAAD-Programm zur Stärkung der Regionalstudien) und später eine außerordentliche Professur im Seminar Christlicher Orient und Byzanz an der Orientalischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg zu gründen.

Nach dem frühen Tod von Hermann Goltz (2010) wurde das Zentrum in die Philosophische Fakultät zu meiner Professur transferiert und ich wurde zu seiner Nachfolgerin am MESROP berufen.

Das interdisziplinäre kulturwissenschaftliche „kleine Fach“ Wissenschaft vom Christlichen Orient, wozu an den Universitäten Deutschlands die Armenologie strukturell gehört, wurde nach der Pensionierung der Fachvertreter an den Universitäten München, Bonn und Tübingen gestrichen. So blieb nur Universität Halle, an der dieses Fach weiter gepflegt wurde. Wegen der finanziellen Engpässe in unserem Bundesland war unser Fach allerdings stets existenziell bedroht. Die größte Herausforderung für mich war, das Fach “Wissenschaft vom Christlichen Orient“ und meine eigene Professur (beide Professuren stellten ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland dar) mit Unterstützung der Kollegen vor den drastischen Kürzungen zu bewahren und den Sonderstatus der Armenischen Studien in der akademischen Landschaft Deutschlands vor den wissenschaftspolitischen Entscheidungsträgern zu begründen.

Nach meiner Pensionierung pflege ich keine Kontakte zum MESROP mehr, da sein emanzipierter Kompetenz-Zentrum-Charakter geändert wurde und ist als Hilfsstruktureinheit an den Hauptlehrstuhl des Seminars zurückgefallen. Meine Vision, die ich als kommissarische Leiterin des Seminars 5 Jahre lang während der Vakanz der Hauptprofessur verfolgte, den Umfang des Seminars durch weitere Professuren zu erweitern, wurde von der neuen Leitung des Seminars nicht geteilt.

Ursprünglich hatte das Zentrum zum Ziel, neben der interdisziplinären Erforschung der armenischen Kultur und Geschichte in internationaler und ökumenischer Zusammenarbeit, den außeruniversitären Wissenstransfer zu Armenien zu bewerkstelligen und die armenische Kultur der breiten Öffentlichkeit durch wissenschaftliche Tagungen, kulturelle Veranstaltungen und Publikationen, der Vernetzung der armenologischen Forschung im deutschsprachigen Raum und institutionelle Unterstützung vorzustellen. Auch die Beratung (inkl. politische Beratung) und Vermittlung armenologischer Kompetenz in Europa gehörten zu seinen Aufgaben.

Die Vorstellung der aktuellen Leitung des Seminars, alle 6 Sprachen und Regionen des Christlichen Orients zusammenfassend zu bedienen (Ägypten, Assyrien, Äthiopien, den arabophonen Nahen Osten, Georgien und Armenien) ist logischerweise nicht in der Lage, allein in gebotener Tiefe jede Region gleichermaßen zu pflegen. Genau deswegen wäre die Beschaffung einer mindestens zweiten Professur, die die Aufgaben der Hauptprofessur erleichtern sollte, notwendig. Trotzdem verliere ich nicht die Hoffnung, Verständnis für dieses Anliegen in der deutschen Wissenschaftspolitik zu finden.

Die Grundlage dafür bildet die Empfehlung des Wissenschaftsrates des Bunds und der Länder, den Sonderstatus der Armenologie in Deutschland wahrzunehmen und durch eine hauptberufliche ordentliche Professur die Nachhaltigkeit des Faches zu sichern. Vielleicht fällt sie einmal auf einen fruchtbaren Boden. daher wirke ich in dieser Richtung mit jenen Kollegen und Institutionen, die diese Vision mit mir teilen.

Sie haben zahlreiche internationale Projekte und Publikationen betreut. Welche Bedeutung hat für Sie die Zusammenarbeit zwischen armenischen und deutschen Wissenschaftlern, und welche Chancen sehen Sie darin für die Zukunft Armeniens?

Die Zusammenarbeit von armenischen und deutschen Wissenschaftlern war vor und bis zum Anfang des Ersten Weltkrieges sehr produktiv. Eine ganze Plejade von armenischen Studenten und Studentinnen kamen an die deutschsprachigen Universitäten in Deutschland und der Schweiz. Sie kamen aus Ost- und Westarmenien, aus den unter der zaristischen, osmanischen oder persischen Fremdherrschaft gelegenen armenischen Gebieten. Unter wissenschaftlicher Betreuung und in Zusammenarbeit mit ihren deutschen Mentoren partizipierten sie an der internationalen Forschung im Bereich der unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen. Die berühmtesten Absolventen deutscher Universitäten waren Chatschatur Abovyan, der den deutschen Physiker Friedrich Parrot zur Exploration des Berges Ararat animierte und Komitas, der mit dem Berliner Musikprofessor Oscar Fleischer die mittelalterlichen Musikzeichen erforschte und die Internationale Musikgesellschaft samt deren Zeitschrift mitbegründete, um u. a. die musikethnologischen Studien zu fördern.

Aber auch die Adolf-von-Harnack- und Friedrich-Loofs-Schüler Karapet Ter-Mkrtchian und Jerwand Ter-Minassian machten sensationelle Entdeckungen in den armenischen Manuskripten und gaben nur noch in altarmenischer Sprache überlieferte wichtige frühchristliche Textquellen im Bereich der Theologie und Kirchengeschichte heraus. Auch die Philologen Garegin Howsepian und Manuk Abeghian oder der Historiker Hakob Manandian promovierten in Deutschland. Die Vertreter dieser Generation gründeten die armenischen Hochschulen in der unabhängigen ersten Republik Armenien nach dem Vorbild des Bildungssystems in Deutschland.

Der Band zwischen den Wissenschaftlern beider Länder wurde jedoch durch das politische Bündnis und die Waffenbruderschaft Deutschlands mit dem Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg und während des Völkermords an den armenischen Bürger dieses Reiches zerrissen.

Es galt, das Zerrissene erneut zusammenzuknüpfen und weiterzuführen. Dies war ein Anliegen meines Vaters, des Historikers und Philologen Geworg Abgarjan, das er mir überliefert hat. Sein Doktorvater war der angesehene Orientalist, Philologe, Literaturwissenschaftler, Quellenkundler, Mitglied der Armenischen Akademie der Wissenschaften der Republik Armenien, Karapet Melik-Ohandschanyan, der an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin beim Armenologen, Iranisten und Indogermanisten Josef Markwart studiert hatte. Durch ihn wurde mein Vater mit der deutschen Schule der Klassischen Philologie und Armenologie vertraut und setzte die Errungenschaften und Traditionen dieser Schule durch seine Forschung in Armenien fort. In zahlreichen Publikationen informierte er die armenische Gesellschaft und die Gelehrtengemeinschaft über die Armenologie in Deutschland.

Die beiden waren gemeinsam am institutionellen Aufbau des Instituts für Alte Handschriften Matenadaran in Jerewan beteiligt.

Mein Vater erzählte mir bereits in meiner Kindheit, dass neben den deutschen Militärberatern des jungtürkischen Triumvirats, das den Völkermord an den Armeniern konzipiert und durchgeführt hatte, es auch einen evangelischen Theologen, Johannes Lepsius gab, der die Abdul-Hamidischen Massaker 1894/1896 sowie die Fortsetzung dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit 1915/1917 als Erster dokumentierte, in Europa bekannt machte und nach dem gescheiterten Versuch, diesen dämonischen Plan der Hohen Pforte als Sohn des ersten Ägyptologie-Professors Deutschlands, Richard Lepsius, eines Freundes von Nubar-Pascha, zu stoppen, einen Hilfsbund gründete und mehrere Hilfsaktionen in Europa initiierte, um die Überlebenden des Genozids zu retten.

Als ich nach Deutschland und Halle kam und feststellte, dass sich ein umfangreicher Teil des Lepsius-Archivs an dieser Universität befindet, schloss ich mich der Arbeitsgruppe von Prof. Hermann Goltz an, dessen Anliegen ebenfalls die Wiederbelebung der deutsch-armenischen Wissenschaftsbeziehungen war. Im Rahmen eines VW-Projektes gab er die Archivmaterialien in einer dreibändigen Edition in München heraus und trug dadurch wesentlich zur Anerkennung des Genozids in Deutschland bei, indem er dem deutschen Bundestag Dokumente und wissenschaftliche Beratung lieferte, die 2005 zur ersten Bundestagsresolution zum Genozid führte. Damit startete die Dekade zur Anerkennung des Genozids zum 100. Gedenktag am 24. April 2015 zunächst durch den Bundespräsidenten Joachim Gauck und den Bundestagpräsidenten Norbert Lammert und ein Jahr später durch die neue Bundestagsresolution im Juni 2016 zum erfolgreichen Abschluss kam.

Die Einrichtung des Lepsiushauses in Potsdam 2011 geschah ebenfalls durch die Bemühungen dieser armenologischen Arbeitsgruppe an der Universität Halle. Heute arbeiten deutsche und armenische Wissenschaftler gemeinsam die Völkermord-Geschichte auf, um der Leugnungspolitik der Täter wissenschaftlich geprüfte Expertise entgegenzusetzen.

In Zusammenarbeit mit der Staatsbilbliothek zu Berlin (Meliné Pehlivanian / Orientabteilung), wo sich der umfangreichste Bücher- und Manuskriptbestand zur Armenologie in der BRD befindet, organisierte die hallische Arbeitsgruppe 2010 den ersten Armenologentag in Deutschland (nach dem Vorbild der „Syrologen“- und „Koptologen“-Tage). Während der laufenden Ausstellung der Bibliothek zur Kulturbegegnung mit Armenien vom 15. bis 20. Jahrhundert wurden durch die Bibliotheksleitung der Akademie der Wissenschaften der Republik Armenien die nach Ende des 2. Weltkrieges als Kriegsbeute nach Armenien transferierten deutschen Bücherbestände an die Staatsbibliothek zurückgegeben.

Ein anderes Anliegen meines Vaters war die Publikation des Lebenswerkes des Heinrich-Hübschmann-Schülers Josef Karst, das sein armenischer Schüler, der Übersetzer des Hauptwerkes von Grigor Narekatzi ins Französische, Sahak Keschischian, das er in mehreren Karteiboxen und Mappen aus Straßburg in das Matenadaran zur Aufbewahrung, Forschung und Herausgabe übergab. Im Ergebnis deutsch-armenischer wissenschaftlicher Zusammenarbeit unter Beteiligung von 25 Wissenschaftlern (Armenologen, Germanisten, Indogermanisten, Iranisten, Arabisten, Turkologen) aus Deutschland, Österreich und Armenien entstand durch die Unterstützung derselben Stiftung eine 5-bändige Edition des Etymologischen Wörterbuchs des Mittelarmenischen, das demnächst in der renommierten belgischen Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium Schriftenreihe (Peeters-Verlag) erscheinen wird.

Ein weiteres deutsch-armenisches Langzeitprojekt war die deutsche Übersetzung des 1600jährigen Hymnariums der Armenischen Apostolischen Kirche, worin das theologische Denken des frühen Christentums konserviert wurde. Der Kollege Hermann Goltz ergriff sofort die Gelegenheit, in einer theologisch-philologischen und deutsch-armenischen Zusammenarbeit gemeinsam mit mir das große Projekt der parallelen Edition des Hymnariums „Scharaknotz“ durchzuführen, das ebenfalls bald in der renommierten Reihe „Patrologia Orientalis“ in Rom, am Päpstlichen Orientalischen Institut unter der Leitung von Professor Philippe Luisier erscheinen wird.

Durch die Anregung der Regierung Armeniens läuft z. Z. auch die Editionsarbeit der deutschen Übersetzung des Hauptwerkes von Grigor Narekatzi „Buch der Klagegesänge“ zum 10. Jubiläum der Erhebung dieses armenischen Theologen zum ökumenischen Kirchenvater durch den Vatikan.

Diese Beispiele der deutsch-armenischen wissenschaftlichen Zusammenarbeit zeigen, wie die verborgenen Schätze der armenischen Kultur ihre gebührende Stellung in der Weltkultur wieder annehmen und der internationalen Fachgemeinschaft und Leserschaft zugänglich gemacht werden.

Die Zukunft Armeniens, das weder durch die Öl-Vorkommen noch wirtschaftliche und militärische Stärke heraussticht, liegt in seiner Kultur.

Sie haben eine unschätzbare Rolle beim Aufbau der armenischen Gemeinde in Halle gespielt, beim Erwerb einer Kirche und in der Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen als deren Repräsentantin. Wie beurteilen Sie heute die aktuellen Aktivitäten der armenischen Gemeinde in Halle, und sehen Sie neue Entwicklungen oder Perspektiven?

Vielen Dank für Ihre freundliche Würdigung! Ja, tatsächlich bin ich Augenzeugin der Entstehung der ersten armenischen Kirchengemeinde in Ostdeutschland nach der Vereinigung Deutschlands und der Einweihung der ersten eigenen Kirche (Auferstehungskirche Surb Harutyun) in Deutschland. Die Armenische Gemeinde Sachsen-Anhalt ist ein aktives Mitglied in der ACK („Arbeitsgesellschaft für Christliche Kirchen“) Sachsen-Anhalt und pflegt die ökumenische Zusammenarbeit mit den anderen christlichen Kirchen unseres Landes.

Die Gründergeneration der Gemeinde hat mit eigenen Kräften die ehemals katholische Kirche Sankt-Mariens samt dem Pfarrhaus restauriert, umgestaltet und hält sie in Betrieb.

2015 errichtete sie einen Kreuzstein zur Ehrung des Gedächtnisses der Opfer des Völkermords und der deutschen Helfer der Überlebenden.

Durch mehrerer Bildungsinitiativen (Sonntagsschule mit Sprach-, Tanz-, Keramik-Kunstunterricht) wird versucht, die armenische Identität der Gemeindemitglieder aufrechtzuerhalten. Seit Sendestart des Freien Radio „Corax“ im Raum Halle im Jahre 2000 gab es eine regelmäßige Ausstrahlung des Programms „Radio Jerewan“, die leider wegen der Abreise der engagierten Studenten, z. Z. ruht.

In Zusammenarbeit mit dem armenologischen Lehrstuhl und dessen Studenten an der Universität, den Kultur- und Integrationsabteilungen der Stadt Halle, mit der Kulturgemeinde Leipzig sowie mit dem Städtepartnerschaftsverein Halle-Gyumri unterstütz die Gemeinde zahlreiche Veranstaltungen zur armenischen Kultur und Religion. Sie nimmt regelmäßig an der Interkulturellen Woche in Halle und in der Langen Nacht der Kirchen teil, empfängt die interessierten Mitbürger und Institutionen, die die armenische Kirche und Kultur kennenlernen möchten.

An den Hochfesten des Kirchenjahres ist die Kirche rappelvoll, da aus den neuen Bundesländern viele armenische Familien einreisen, um ihre Verbindung zur eigenen Kultur und Kirche lebendig zu halten.

Allerdings wäre es notwendig, die neue, in Deutschland sozialisierte Generation der Armenier, die die deutsche Sprache gut beherrschen und die hiesigen gesellschaftlichen und offiziellen Strukturen besser kennen als ihre Eltern, in das Gemeindeleben stärker einzubeziehen und verantwortliche Positionen im Vorstand anzuvertrauen, um u. a. die staatlichen Ressourcen und Programme für die Gemeinde besser nutzbar zu machen. Der Mangel an armenischen Gemeindepriestern in Deutschland (5 Geistliche für 16 Gemeinden) und deren ständiger Wechsel in Halle sind weitere Hinderungsgründe im Bestreben, mehr deutsche Bürger armenischer Herkunft an dem Gemeindeleben teilnehmen zu lassen.

Mit der Neubesetzung der vakanten Priesterstelle in Halle (Ter Hakob Hakobyan), der eine gezielte Arbeit mit den Jugendlichen gestartet hat, kommt die Hoffnung auf, dass das Gemeindeleben etwas vitaler wird.

Welche Entwicklungen oder Projekte in Armenien oder in der deutsch-armenischen Zusammenarbeit möchten Sie in den kommenden Jahren besonders fördern, um junge Menschen, Kultur und Wissenschaft zu stärken?

Erfreulich ist die Übernahme des armenischen Modells der TUMO (Tumanyan-Zentren), außerschulischen kostenlosen digitalen Bildungszentren für Technologie und Kreativität durch Deutschland mit den Standorten in Berlin (seit 2020), Mannheim (2024), Hirschaid (Bayern), Lüdenscheid (NRW), Essen und Saarbrücken (Stand 2026: weitere Zentren sind in Köln, Düsseldorf und Halle in Planung). Es wäre schön, spezielle Projekt- oder Programmeinheiten für die Schüler armenischer Herkunft in diesen Zentren zu etablieren.

An der Armenischen Diözese in Köln wurden Bildungs- und Kulturausschüsse eingerichtet, deren Ziel ist, Richtlinien und Handbücher für die Gemeindearbeit und die Sonntagsschulen in den Gemeinden zu erarbeiten sowie zu versuchen, den Armenisch-Unterricht samt den Fächern zur armenischen Kultur und Religion in den deutschen Schulen nach dem Vorbild der jüdischen, orthodoxen und orientalisch-christlichen Gemeinden  einzuführen.

Eine weitere förderungswürdige Entwicklung wäre die Vision von Johannes Lepsius, dessen 100. Todestages in diesem Jahr gedacht wird, zu verwirklichen. Sein Vorhaben war, am Pfingstberg in Potsdam, in der Nähe von berühmten Cecilienhof, unter einem Dach zwei Institutionen zu vereinigen: Deutsch-Armenische Akademie und die Deutsch-Armenische Gesellschaft, wobei die beiden Institutionen eine deutsch-armenische Doppelspitze haben sollten. Die Synergien dieser Institutionen in der seit 2011 wirkenden Forschungs- und Begegnungsstätte Lepsiushaus in der Villa des berühmten „deutschen Anwalts des armenischen Volkes“ wäre ebenfalls eine Schmiede für die jungen Menschen in unserer Gesellschaft.

In Halle wird die Bundeseinrichtung „Zukunftszentrum“ aufgebaut, das sich mit den postsozialistischen Transformationsprozessen in Deutschland und Osteuropa auseinandersetzen will. Auch hier könnten das armenische Beispiel und die armenischen Themen produktiv sowohl für das Projekt als auch die Nachwuchswissenschaftler und Kulturschaffende sein.

Zur Ausbildung des armenologischen Nachwuchses wäre die Fortsetzung und akademische Aufwertung eines Lehrstuhls für Armenische Studien an einer deutschen Universität unabdingbar. Ein Förderverein zur Pflege der Armenologie in Deutschland wurde in Halle bereits gegründet, der ausbaufähig ist.

Zukunftsweisend für die deutsch-armenische Zusammenarbeit jüngerer Generationen wäre die Einrichtung von Kulturzentren in Europa in Anlehnung zu den berühmten “Goethe-“,  “Servantes-“ oder “Konfuzius-“ Zentren. Das MESROP Zentrum an der Universität Halle war ein Pilot-Projekt, das fortzusetzen wäre.

Großes Potential für die Zukunft beherbergen die bereits bestehende Zusammenarbeit zwischen den deutschen und armenischen Schriftstellern (gemeinsame Übersetzerwerkstätten und Publikationen), zwischen den Komponisten und Musikern beider Länder (gemeinsame Konferenzen und Konzerte in Zusammenarbeit mit den deutschen Musikern mit dem Komitas-Konservatorium und Komitas Museum-Institut), zwischen den Archäologen, Museologen und Denkmalschutzämtern, zwischen den Bibliotheken und Manuskript- Restaurationsabteilungen sowie die akademischen Verbindungen zwischen deutschen Max-Planck- und Leibnizinstituten mit den Akademie-Instituten Armeniens und dem Matenadaran, Universitäts- und Städtepartnerschaften (Halle-Gyumri / Leipzig-Jerewan / Naumburg-Armawir).

Das Interview wurde von Dr. Sirarpi Movsisyan geführt

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