Vergessene Missionen – Deutsche Hilfe für Armenier im Osmanischen Reich: Ein Gespräch mit Dr. Hayk Martirosyan
Dr. Hayk Martirosyan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lepsiushaus Potsdam. Er studierte Orientalistik und Turkologie an der Staatlichen Universität Jerewan und promovierte an der Akademie der Wissenschaften der Republik Armenien über die deutsche Armenienhilfe der Missionsorganisationen im Osmanischen Reich (1896–1919). Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte deutscher evangelischer und katholischer Missionen, humanitäre Netzwerke und Rettungsaktivitäten für Armenier während des Völkermords. Er veröffentlichte sein jungstes Buch „Humanismus und christliche Barmherzigkeit. Geschichte der deutschen Missionen für die Armenier im Osmanischen Reich 1896–1919“ (2024). Neben seiner Tätigkeit in Potsdam arbeitet er eng mit armenischen Institutionen wie dem Genozid-Museum-Institut in Jerewan zusammen.
Sie forschen seit vielen Jahren zur deutschen Missions- und Hilfsarbeit für Armenier im Osmanischen Reich. Was hat Sie persönlich zu diesem Thema gebracht, und welche Bedeutung hat es für die armenisch-deutsche Erinnerungskultur?
Dieses Thema gehört zu den wenig erforschten Bereichen. Unter den Armeniern im Osmanischen Reich waren sechs deutsche evangelische Missionen sowie die katholische Kreisen Deutschlands aktiv. Doch all diese Aktivitäten sind weitgehend unbekannt geblieben (ausgenommen die Arbeit von Johannes Lepsius und der von ihm gegründeten Deutschen Orient-Mission). Über den Deutschen Hilfsbund für Armenien und die Christoffel-Blindenmission existiert nur eine geringe Anzahl von Studien. Zur Tätigkeit des Kaiserswerther Diakonissenhauses, des Syrischen (Schneller'schen) Waisenhauses, des Jerusalemsvereins und katholischer deutscher Kreise unter den Armeniern des Osmanischen Reiches existiert praktisch keine wissenschaftliche Forschungsliteratur.
Ich musste mich daher fast ausschließlich auf Primärquellen stützen, vor allem auf Monografien, Memoiren und Briefe der Missionare sowie auf die zeitgenössische Periodika Während meiner ersten Recherchen stieß ich auf Namen, die völlig unbekannt waren, obwohl ihre Träger Dutzende, manche sogar Hunderte Armenier gerettet hatten. Einerseits schien es mir „ungerecht“, dass diese immense Arbeit im Verborgenen geblieben war, andererseits stellte ihre Tätigkeit unter den Armeniern im Osmanischen Reich gerade in den Jahren des Ersten Weltkriegs den einzigen Lichtblick der deutschen Präsenz dar.
Hinzu kommt, dass viele von ihnen in einem moralischen Dilemma standen: Einerseits war ihr Heimatland Bündnispartner des Osmanischen Reiches, das den Genozid durchführte – somit hätten sie ihrem Vaterland und dessen Verbündetem loyal sein müssen. Andererseits vertraten sie christliche Werte und waren dazu verpflichtet, sich um ihre Waisen zu kümmern, die vom Bündnispartner ihres eigenen Vaterlandes vernichtet werden sollten. Mit wenigen Ausnahmen entschieden sich die Missionare für die christlichen Werte, das heißt, sie versuchten, ihre Schutzbefohlenen zu retten – wenn möglich auch andere.
Dieses Thema hat das Potenzial, die armenisch-deutsche Erinnerungskultur um neue Facetten zu bereichern. Es stellt nicht nur ein bedeutendes, bislang kaum bekanntes Kapitel in der Geschichte Armeniens und Deutschlands dar, sondern ist auch für die weltweite Geschichte des Humanismus von großer Bedeutung. Darüber hinaus ist das Thema aus der Perspektive persönlicher Geschichten von großem Interesse – nicht nur im Hinblick auf die biografische Rekonstruktion und die wissenschaftliche Forschung, sondern auch im moralischen Kontext: Für die deutschen Missionare, für Überlebende des Völkermords (deren Nachkommen auch in Deutschland leben) und für die Nachfahren armenischer Kinder der deutschen Waisenhäuser ist dies auch ein familiär-persönliches Thema. Manche können so ihre Vorfahren „wiederfinden“ oder sich mit deren Geschichten identifizieren. Solche Rückmeldungen habe ich bereits mehrfach erhalten.
Sie leiten aktuell das Projekt „Humanismus und christliche Barmherzigkeit“ am Lepsiushaus Potsdam. Könnten Sie uns einen Einblick geben, woran Sie konkret arbeiten und welche Erkenntnisse Sie bisher gewonnen haben?
In den letzten Jahren habe ich an der Erstellung eines Buches und einer Ausstellung zur Geschichte der deutschen Missionen unter den Armeniern im Osmanischen Reich in den Jahren 1896–1919 gearbeitet. Mein neues deutschsprachiges Buch mit dem Titel Humanismus und christliche Barmherzigkeit: Die Geschichte der deutschen Missionen für die Armenier im Osmanischen Reich 1896-1919 wurde Ende Dezember des vergangenen Jahres veröffentlicht. Wie der Titel bereits andeutet, erzählt das Buch von allen deutschen Missionen, die seit den Hamidischen Massakern im Osmanischen Reich unter den Armeniern tätig waren. Dabei handelt es sich um sechs evangelische Missionen – den Deutschen Hilfsbund für Armenier, die Deutsche Orient-Mission, das Kaiserswerther Diakonissenhaus, das Syrische (Schneller’sche) Waisenhaus, den Jerusalemsverein und die Christoffel Blindenmission – sowie um die Tätigkeiten deutscher katholischer Kreise unter den Armeniern. Von diesen Missionen wurden bisher mehr oder weniger nur zwei bis drei wissenschaftlich behandelt, die meisten ihrer Aktivitäten unter den Armeniern blieben bis heute unbekannt.
Die gleichnamige Ausstellung, die aus 14 Tafeln besteht, wurde erstmals am Tag der Museen am 18. Mai 2025 im Lepsiushaus Potsdam gezeigt. Die Wechselausstellung wird auch an anderen Orten gezeigt, unter anderem in Potsdam und Berlin. Eventuell können weitere geeignete Orte gefunden werden. Wir sind offen für Zusammenarbeit und freuen uns darauf.
Ihre wissenschaftliche Laufbahn führte Sie von Jerewan nach Potsdam. Wie erleben Sie die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Armenien und Deutschland, und was sind aus Ihrer Sicht die größten Potenziale in diesem Austausch?
Ich arbeite weiterhin aktiv mit armenischen wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen, insbesondere mit dem Museum-Institut des Genozides an den Armeniern, in dem ich viele Jahre lang tätig war. Die Zusammenarbeit erfolgt in Form von Konferenzen, Artikeln, Berichten und gemeinsamen Projekten. Gleichzeitig unterhält das Lepsiushaus Potsdam enge Beziehungen zu armenischen wissenschaftlichen Institutionen. Tatsächlich gibt es ein breites Spektrum wissenschaftlicher Kooperationen, von dem bisher nur ein kleiner Teil realisiert wird. Dafür bestehen sogar günstige Bedingungen, denn in der im Jahr 2016 im Bundestag verabschiedeten Resolution zum Völkermord an den Armeniern 1915-1916 wurde die Notwendigkeit der wissenschaftlichen, zivilgesellschaftlichen und kulturellen Initiativen betont. Es sollten solche Initiativen gefördert und unterstützt werden, die dem Austausch und der Aufarbeitung der Vergangenheit dienen. Wir verfügen auf höchster Ebene über solche „festgelegten” Möglichkeiten, nutzen diese aber faktisch kaum. Dies ist nur ein Beispiel. Ich bin der Ansicht, dass im Bereich der Geisteswissenschaften möglichst viele Anträge gestellt werden sollten – sowohl einzeln als auch gemeinsam, armenisch-deutsch. Natürlich muss dabei großer Wert auf deren Qualität gelegt werden.
Über die Naturwissenschaften kann ich nicht sprechen, da dies nicht mein Fachgebiet ist. Es wäre falsch, dazu mit meinen oberflächlichen Kenntnissen zu äußern.
Gibt es ein neues Forschungsprojekt oder eine Publikation, an der Sie gerade arbeiten und die Sie besonders bewegt oder inspiriert?
Zurzeit arbeite ich parallel an zwei Büchern. Das erste behandelt die Wahrnehmung der Überlebenden des Völkermords an den Armeniern gegenüber den Deutschen sowie die Darstellung der Figur des Deutschen in ihren Erinnerungen und Zeugenaussagen – sowohl negativ als auch positiv. Selbstverständlich basiert alles auf Primärquellen. Neben den Bereichen Geschichte und Genozidforschung berührt dieses Buch auch den sozialpsychologischen Aspekt des Völkermords und möglicherweise teilweise auch die Ethnologie Da das Thema sehr sensibel ist, muss es vielschichtig dargestellt werden.
Das zweite Buch, an dem ich parallel arbeite, erzählt die Geschichte zweier Missionarinnen, die trotz ihres enormen humanitären und Weisenarbeit über 18 Jahre hinweg praktisch unbekannt geblieben sind. Glauben Sie mir, nur sehr wenige haben eine derart umfangreiche Arbeit geleistet. Im Unterschied zu anderen sind diese beiden Frauen jedoch praktisch unbekannt geblieben. Sie sind ein hervorragendes Beispiel für Humanität, christliche Nächstenliebe und Selbstaufopferung. Deshalb halte ich es für notwendig, ihre Namen einem breiten Publikum bekannt zu machen. Sie sollten einen eigenen Platz in der Geschichte des Humanismus einnehmen. Aus menschlicher Sicht ist dies auch ein Ausdruck von Dankbarkeit für ihre Tätigkeit in der schwersten Zeit der armenischen Geschichte.
Die Vorbereitung beider Bücher begeistert mich sehr und gibt mir trotz einiger Schwierigkeiten viel Kraft.
Was möchten Sie jungen armenischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mitgeben, die eine akademische Laufbahn im Ausland – insbesondere in Deutschland – anstreben?
Zunächst einmal sollte man die deutsche Sprache so gut wie möglich beherrschen und sich ständig verbessern. Die Sprache ist eine der wichtigsten „Waffen” von Wissenschaftlern. Zwar erleben wir derzeit eine immer stärker werdende Hegemonie des Englischen, dennoch sind gute Deutschkenntnisse ein äußerst wichtiges Werkzeug.
Wichtig ist außerdem, viel an sich selbst zu arbeiten, niemals auf dem Erreichten stehen zu bleiben, hartnäckig zu sein und sich von Schwierigkeiten nicht entmutigen zu lassen. Das Bild von Wissenschaftlern, die bereits gewisse Erfolge erzielt haben, mag aus der Ferne sehr glänzend erscheinen. Doch sie alle haben Schwierigkeiten überwunden.
Deutschland ist ein außergewöhnliches Land, was wissenschaftliche Möglichkeiten betrifft, und ich bin mir nicht sicher, ob es irgendwo sonst auf der Welt ein Land gibt, das da mithalten kann. Wenn du in der Wissenschaft tätig bist und fleißig arbeitest, wirst du mit Sicherheit die Chance bekommen, dich zu beweisen. Setze dich mit maximaler Anstrengung ein und glaube an deinen Traum. Der Erfolg wird dir mit Sicherheit die Tür öffnen.
Und das Wichtigste: Erklimme wissenschaftliche Gipfel! Bleibe nach Erfolgen auch für die armenische Wissenschaft erreichbar, öffne neue Wege für die nächste Generation von Wissenschaftlern und sei ihnen eine Hilfe.