Ein Brückenbauer zwischen Sachsen-Anhalt und Armenien – im Gespräch mit Dr. Gunnar Schellenberger
Dr. Gunnar Schellenberger, Präsident des Landtages von Sachsen-Anhalt, engagiert sich seit vielen Jahren für die Vertiefung der Beziehungen zwischen Sachsen-Anhalt und Armenien. Durch seine kontinuierliche Unterstützung kultureller, wissenschaftlicher und kommunaler Kooperationen hat er wesentlich dazu beigetragen, den Austausch zwischen beiden Ländern zu fördern und nachhaltige Partnerschaften zu stärken.
Besonders am Herzen liegen ihm die Bereiche Kultur, Bildung und Denkmalpflege. Er begleitet seit Jahrzehnten den deutsch-armenischen Austausch und setzt sich für den Ausbau persönlicher Begegnungen, Städte- und Gemeindepartnerschaften sowie gemeinsamer Projekte ein.
In Anerkennung seines herausragenden Engagements wird Herrn Dr. Schellenberger am 11. Juni in der Botschaft der Republik Armenien eine hohe Ehrenmedaille verliehen. Die Auszeichnung würdigt seinen bedeutenden Beitrag zur Stärkung der bilateralen Beziehungen zwischen Armenien und Sachsen-Anhalt, insbesondere im Bereich der kulturellen Zusammenarbeit und Vernetzung.
Im folgenden Interview spricht Dr. Schellenberger über seine langjährige Verbundenheit mit Armenien, die Entwicklung der deutsch-armenischen Kooperation und Perspektiven für die zukünftige Zusammenarbeit.
Herr Dr. Schellenberger, Sie engagieren sich seit vielen Jahren in der deutscharmenischen Zusammenarbeit und sind häufig bei armenischen Veranstaltungen präsent. Was hat ursprünglich Ihr Interesse an Armenien geweckt, und was hat Ihr Engagement über die Jahre hinweg getragen?
Sachsen-Anhalt vertritt seit 1996 im Auftrag der Kultusministerkonferenz alle deutschen Bundesländer im Rahmen des deutsch-armenischen Kulturabkommens von 1995. Ein Memorandum aus dem Jahr 1998 legt bis heute die Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft und Kultur fest. Neben offiziellen Delegationsreisen und der Vertretung des armenischen Honorarkonsulats für Sachsen-Anhalt bestehen lebendige Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden beider Länder.
Armenien war mir schon lange vor dem Kulturabkommen bekannt, als ein faszinierendes Land mit bedeutenden Kulturstätten und einer sehr reichen Geschichte. Da ich vor allem an Kultur- und Bildungsthemen interessiert bin, waren mir historische Stätten, Baudenkmale und archäologische Stätten, aber auch Stadtbilder bereits ein wenig bekannt. Gleich nach dem Zustandekommen des deutsch-armenischen Kulturabkommens begann ein enger Austausch auf dem Bereich der Archäologie und der Denkmalpflege durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle. Es wurden vor Ort in Armenien archäologische Ausgrabungen durchgeführt und dabei Methoden erörtert, wie Kulturstätten erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Die Archäologen und Denkmalpfleger aus Sachsen-Anhalt konnten ihre Fachkenntnisse vermitteln und auch von ihren armenischen Fachkollegen und – kolleginnen etwas lernen. Diese gegenseitigen Konsultationen setzen sich bis heute fort. Auch eine Zusammenarbeit und ein Austausch der verantwortlichen Personen für die UNESCO-Weltkulturerbestätten hat sich entwickelt und auch hier gibt es gegenseitige Besuche. Bei diesen Besuchen in Armenien war ich immer gern dabei weil der gegenseitige Austausch und die persönlichen Begegnungen für beide Seiten von großem Nutzen waren. Ich könnte hier noch viele weiter Beispiele bringen für das gute gegenseitige Miteinander, ob es Besuche und Auftritte von Chören waren oder Dorfpatenschaften zwischen Zuchau in meinem Wahlkreis und Getap…
Partnerschaften wie zwischen Halle (Saale) und Gyumri, Naumburg und Armavir sowie Zuchau und Getap zeigen, wie lokale Initiativen internationale Beziehungen prägen können. Welchen konkreten Mehrwert haben diese Partnerschaften Ihrer Ansicht nach über die symbolische Ebene hinaus?
Auch hier möchte ich als Beispiel die Dorfpartnerschaft zwischen Zuchau und Getap anführen. Es gibt dort jährliche Feste und gegenseitige Treffen. Die armenischen Gäste sind
dann bei Menschen und Familien im Dorf untergebracht und es gibt in Zuchau einen armenischen Backofen, der armenisches Essen produziert. Enger und persönlicher können
die Kontakte kaum sein. Gerade die Städte- und Ortspartnerschaften bieten so viele Möglichkeiten des gegenseitigen Kennenlernens.
Mit Blick auf die Zukunft: In welchen Bereichen — etwa Bildung, Landwirtschaft, Innovation oder Kulturaustausch — sehen Sie das größte Potenzial für eine Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen Sachsen-Anhalt und Armenien?
Die Zusammenarbeit findet traditionell insbesondere auf den Gebieten Kultur (z.B. Archäologie, bildende Kunst, Museen, Musik), Bildung (Schüler- und Lehreraustausch) und Wissenschaft (z.B. MESROP Zentrum, Medizin) statt. Die Zusammenarbeit auf anderen Politikfeldern erscheint jedoch denkbar, soweit sie im gegenseitigen Interesse liegt.
Vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage Armeniens: Welche Rolle sollten deutsche Bundesländer und Europa insgesamt Ihrer Meinung nach bei der Unterstützung von Stabilität, Entwicklung und internationaler Integration Armeniens spielen?
Armenien ist durch seine Nähe und Ausrichtung nach Europa ein sehr wichtiger Partner für Deutschland und die Europäische Union. Wobei der Bund für Außenpolitik zuständig ist. Inhaltlich kann auf die im Dezember 2025 in Berlin geschlossene Gemeinsame Erklärung zwischen Deutschland und Armenien verwiesen werden:
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenz-armenien-deutschland2398652
Es ist wichtig, dass demokratische Voraussetzungen bestehen bleiben, damit die Bevölkerung Armeniens ihre Entscheidungen selbstbestimmt treffen können. Hierbei werden Deutschland und die Europäischen Union Armenien immer unterstützen.
Welche konkreten Schritte sehen Sie, um die Zusammenarbeit zwischen Sachsen-Anhalt und Armenien weiter auszubauen — und dürfen wir in naher Zukunft mit einem weiteren Besuch in Armenien rechnen?
Um zunächst den zweiten Teil der Frage zu beantworten: ich kommen gern bald wieder nach Armenien, um die gute Zusammenarbeit zwischen Armenien und Sachsen-Anhalt weiter zu vertiefen und auch weitere gemeinsame Interessensgebiete zu erschließen. Ich könnte mir z.B. Partnerschaften zwischen Hochschulen und Universitäten beider Länder vorstellen mit wissenschaftlichen Themen und mit einem gegenseitigen Studentenaustausch. Auf diesem Gebiet gibt es großes Potenzial zukunftsweisender Zusammenarbeit. Staatsminister Robra besuchte zuletzt im April 2025 Armenien und führte dort u.a.
Gespräche zur weiteren Zusammenarbeit u.a. des LDA, der Kunststiftung, des Universitätsklinikums Magdeburg und im Schulbereich: https://presse.sachsen-anhalt.de/staatskanzlei/2025/04/04/staatsminister-robra-in-armenien