„Armenien als zweite Heimat": Ein Gespräch mit Honorarkonsul Herr Schmidt über Begegnungen, Brücken und bewegende Momente
Michael Schmidt ist seit acht Jahren Honorarkonsul der Republik Armenien in Sachsen-Anhalt und seit einem Jahr auch in Thüringen tätig. Er gilt als eine prägende Persönlichkeit in den deutsch-armenischen Beziehungen. Als Unternehmer, Netzwerker und engagierter Brückenbauer setzt er sich insbesondere für den Bildungs- und Jugendaustausch, für Städtepartnerschaften sowie für humanitäre Initiativen ein. Durch seine enge Verbindung zu Armenien – beruflich wie persönlich gewachsen – hat er wesentlich dazu beigetragen, die Zusammenarbeit zwischen beiden Regionen zu vertiefen und nachhaltig zu gestalten.
„Armenien ist zu meiner zweiten Heimat geworden“ – mit diesen Worten beschreibt Michael Schmidt die besondere Beziehung, die sein Leben und Wirken seit vielen Jahren prägt.
Herr Schmidt, wie begann ursprünglich Ihre Verbindung zu Armenien – war es ein beruflicher, kultureller oder persönlicher Impuls, der Sie mit dem Land in Kontakt gebracht hat?
Die Verbindung nach Armenien kam durch einen persönlichen Impuls zustande. Der ehemalige Ministerpräsident und Staatsminister im Auswärtigen Amt, Christoph Bergner aus Sachsen-Anhalt, hat mir den damaligen Botschafter Ashot Smbatyan vorgestellt. Und diese ersten 30 Sekunden unserer Begegnung haben eigentlich schon alles gesagt. Es war sofort eine Chemie da. Wir wussten sofort, was wir wollten, und so haben wir uns relativ zeitnah in Magdeburg getroffen und viele Male kurzfristig in Berlin wieder gesehen. So ist diese Sympathie für Armenien – das Land, das ich noch aus dem Geografieunterricht in der UdSSR kannte – ein Stück meiner Lebensgeschichte geworden und ein Teil meines Lebens.
Welche Erfahrungen oder Begegnungen haben Ihrer Meinung nach am meisten dazu beigetragen, dass Ihre Beziehungen zu Armenien so eng und vertrauensvoll geworden sind?
Ich denke, dass die Verbindung zu Armenien relativ schnell entstand. Bereits mit meiner Ernennung zum Honorarkonsul hatte ich Austauschschüler im Burgenlandkreis kennengelernt, die sich im Rahmen von Schulpartnerschaften begegnet waren. Diese Partnerschaften bestehen nun schon seit über 15 Jahren.
Damals war ich zu einem dieser Abende eingeladen – dem Abschiedsabend, den wir in unserem eigenen Gasthaus veranstaltet haben. Ein junger Mensch aus Armenien, damals 14 Jahre alt, erzählte dort über seine Erlebnisse in Deutschland und über den Schüleraustausch. Das hat mich sehr begeistert. Er sprach bereits so gut Deutsch, dass ich spontan sagte: „Diesen jungen Mann, der sich hier traut, ohne Manuskript vor uns zu sprechen, den muss ich unterstützen.“
So habe ich dann beschlossen, seine deutsche Sprachausbildung mitzufinanzieren. Daraus hat sich ergeben, dass er heute mein Patenkind ist – Gor Ghandilyan – und dass ich dadurch natürlich viel stärker in das Leben und die Situation in Armenien hineingewachsen bin.
Nach nunmehr gut acht Jahren Konsulatstätigkeit kann ich sagen, dass Armenien meine zweite Heimat geworden ist, die ich sehr gerne besuche. Besonders in den Zeiten des Krieges habe ich sehr mitgefiebert, was mich emotional stark berührt hat. Gleichzeitig habe ich gemeinsam mit anderen aus meinem Netzwerk Armenien unterstützt.
In Ihrer Rolle als Honorarkonsul – welche konkreten Projekte oder Initiativen haben Sie besonders gefördert, um den Austausch zwischen Sachsen-Anhalt und Armenien zu stärken?
Dazu zählt auf jeden Fall das Thema der Schulpartnerschaften, die – wie bereits erwähnt – seit 15 Jahren bestehen. Ebenso die Unterstützung der armenischen Gemeinde mit ihren Gottesdiensten. Gerade in Zeiten, in denen der Krieg und der Konflikt mit Aserbaidschan stark im Fokus stehen, wurden medizinische Schienen von Siemens beschafft und als humanitäre Hilfe nach Armenien geschickt.
Hinzu kommt die Entwicklung des Zukunftszentrums Deutsche Einheit in Halle und damit verbunden die mögliche Implementierung eines TUMO-Zentrums in Halle. Das ist eines der weiteren Projekte, die auf meiner Agenda stehen.
Darüber hinaus gab es zahlreiche Besuche mit Abgeordneten unseres Landtages – unter anderem mit dem Landtagspräsidenten, verschiedenen Ausschüssen sowie einzelnen Personen, die eine Städtepartnerschaft zwischen Armavir und Naumburg initiiert haben. Ebenso ist die Stadt Halle eine Städtepartnerschaft mit Gyumri eingegangen, und Leipzig pflegt eine Partnerschaft mit Jerewan. Damit gibt es insgesamt drei Städtepartnerschaften in Mitteldeutschland, was ich für eine sehr bedeutende und interessante Entwicklung halte.
Ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt, ist die Einführung der europäischen Hotelklassifikation in Armenien, die in diesem Jahr endlich umgesetzt wurde. Das ist insbesondere für Touristen aus aller Welt wichtig, da sie dadurch eine neutrale und international nachvollziehbare Bewertung der Hotels erhalten, die europäischen Standards entspricht. Ich halte dies für einen wichtigen Schritt im Hinblick auf den heutigen Tourismus sowie die weitere Entwicklung touristischer Dienstleistungen und der allgemeinen Qualitätsstandards.
Armenien ist bekannt für seine reiche Kultur und starke Gemeinschaftsbindungen. Welche kulturellen Werte oder Eigenschaften des armenischen Volkes beeindrucken Sie persönlich am meisten?
Ich glaube, insgesamt muss man sagen, dass das armenische Volk ein sehr stolzes Volk ist, das über viele Jahre mit tausenden Kriegen und Auseinandersetzungen, mit Änderungen der Grenzen zu tun hatte und dabei – was mich sehr beeindruckt – den Lebensmut und die Fröhlichkeit nie verloren hat. Und wenn ich heute durch die Straßen von Jerewan gehe, dann finde ich dort eine offene Kultur, die gegenüber allen Menschen sehr angenehm wirkt. Man hat das Gefühl, dass man, ich sage mal, in einem Staat ist, in dem die Menschen glücklich sind, in dem die Menschen einfach ihr Leben genießen.
Ich finde die Gastfreundschaft extrem interessant und sehr gut, ich finde die Kultur – insbesondere Etschmiadsin, die Mutterkirche – und damit die Verbindung mit dem Naumburger Dom. Beide Kulturhäuser sind Weltkulturerbestädten. Das sind natürlich Sachen, die mich begeistern. Aber ich bin ein Mensch, der die Natur und die Menschen liebt. Es ist die Landschaft Armeniens, die sowohl bergig ist als auch mit dem großen See, dem Sewansee, mich sehr beeindruckt. Das ursprüngliche Armenien kennenzulernen, ist ein großes Geschenk, das ich annehmen durfte.
Wie sehen Sie die Zukunft der armenisch-deutschen Zusammenarbeit – insbesondere im Bereich Jugend, Bildung und Wirtschaft – und welche Rolle möchten Sie dabei selbst weiterhin spielen?
Ich glaube, dass viele junge Menschen, insbesondere nach einer technologischen Ausbildung oder einem technischen Studium – was in Armenien sehr stark ausgeprägt ist – weltweit zu den sehr guten Programmierern gehören und in Armenien tätig sind.
Das ist natürlich auch für Deutschland eine große Hilfe: Menschen aus Armenien in Beschäftigung zu bringen, im Austausch mit unseren Firmen, die in Deutschland tätig sind, um Programme zu entwickeln und Aufträge zu bearbeiten. Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Aspekt.
Ich halte außerdem weiterhin die Stipendienplätze für ein Studium in Deutschland für sehr wichtig – sowohl für junge Menschen als auch für den kulturellen Austausch zwischen unseren beiden Völkern. Das gilt besonders auf der Ebene des Schüleraustauschs, aber letztendlich auch für den wirtschaftlichen Austausch, der mit Sachsen-Anhalt stattfindet.
Und natürlich ist es auch eine Möglichkeit, über die Grenzen Deutschlands und Europas hinaus Armenien in seiner weiteren Entwicklung zu unterstützen – in seiner politischen Entwicklung und auf dem Weg zu einer stabilen Demokratie. Ich wünsche mir, dass Armenien diesen Weg so erfolgreich weitergeht, wie es ihn begonnen hat.